Ciclovia Alpe-Adria (von Salzburg nach Grado)

Vorwort

Auch wenn ich mit Karin erst vor drei Wochen von unserer ersten gemeinsamen Radtour von Wien nach Budapest zurückgekommen bin, ist mein Durst nach Unabhängigkeit und Freiheit immer noch groß.

Mir ist klar, das ich ohne das Glück einer mittlerweile unbefristeten Beschäftigung mir meine Gedanken um Freiheit nicht leisten kann. Mir ist aber auch bewusst, das ich ohne mein eigenes Engagement und den Willen um Veränderung nicht so weit gekommen wäre.

Bei so vielen Gesprächen um Themen des täglichen Alltags oder auch bei Kommentaren zu meinen oder unseren gemeinsamen Aktivitäten denk ich mir oft:“... jammere doch nicht so, bewerte nicht oder mache die Umstände dafür verantwortlich, das man Träume  nicht umsetzt.


Start

Ich habe mein Rad noch kurzfristig von der Reparatur zurück bekommen und teste es am Mittwoch gleich mit einer morgendlichen Tour über den Lechradweg zu meinem Arbeitsplatz und  am Abend wieder zurück.
Alles funktioniert und fühlt sich gut an. Ich packe für mich relativ spät am Donnerstag mein Gepäck und fiebere dem Start entgegen.

Anreise

Ich stehe früh auf und warte als einziger Fahrgast auf den ersten Zug nach München.

Ich ärgere mich mal wieder über die für den Meitinger Bahnhof verantwortlichen Personen. Man hat vor einiger Zeit am Rand der Treppen zwar eine schmale Holzleiste eingelegt um eine Art Radspur zu ermöglichen; wegen des Handgeländer muss man sein Rad jedoch so weit in Schräglage balancieren, das man ein Fahrrad nur sehr schwer über die Treppen zum Bahnsteig schieben kann. Mit Gepäck am Fahrrad wiegt das Problem im wahrsten Sinne des Wortes noch schwerer.

Ich denke, das hier noch kein Verantwortlicher jemals selbst ein Fahrrad über diese „tolle Lösung“ zum Bahnsteig transportiert hat.


Fahrradtransport im Schnellzug

 

Der Zug ist noch leer, füllt sich aber, je näher die Haltestationen an München liegen. Als Radfahrer mit Reisegepäck falle ich an diesem normalen Arbeitstag richtig auf.

In München angekommen muss ich aufgrund einer größeren Baustelle aus dem Bahnhof heraus und relativ weit bis zu einer Art Ersatzeingang schieben. Ich habe genügend Zeit, doch manch anderer Reisender hat gehörigen Unmut über den langen Fußweg, eine schlechte Ausschilderung und knapper Umstiegszeiten.

 

Der Zug (ein Railjet der ÖBB) steht bereits am Gleis und ich muss zügig mein Rad verladen. Anders als bei einem Regionalzug gibt es im ganzen Zug nur 5, zuvor zu reservierende Fahrradabstellplätze und die sind nur über die normal schmalen Türen mit 2 bis 3 Stufen zu erreichen.

In der Urlaubssaison kann ich mir das Gerangel bei ausgebuchten Plätzen und knappen Umsteigezeiten ziemlich gut vorstellen!


Während der Fahrt erhalte ich eine whattsapp-Nachricht mit der Nachfrage ob ich in dem Zug sei, der in den Radio-Nachrichten als verunglückt gemeldet wurde. Ich bin über die Nachfrage verwundert und dank Internet stellt sich schnell heraus, das es im Salzburger Hauptbahnhof  beim ankoppeln zusätzlicher Waggons an einen anderen Zug zu einer Art „Auffahrunfall“ gekommen ist und es rund 60 Leichtverletzte geben soll.

Der Zugführer meldet für unseren Zug eine verzögerte Einfahrt in den Bahnhof ohne den konkreten Grund zu nennen.

Interessant ist das Verhalten eines Mitreisenden. Ich denke das dieser so um Ende 50 Jahre alt war und an sich gepflegt und gebildet wirke. Als der Zug kurz vor dem Bahnhof warten muss, trommelt dieser Fahrgast wie ein kleines Kind an die Zugtüre und gibt erst Ruhe, als ein weiterer Fahrgast via Handy recherchiert und den Unfall im Bahnhof als vermutlichen Grund für die Verzögerung nennt.

In Sekunden ändert sich seine Stimmung und nach Ankunft im Bahnhof geht dieser recht gelassen seiner Wege. An einem verpassten Zuganschluss kann es dann nicht gelegen haben, oder?

Salzburg, Start und 1.Etappe (ca. 53 km)

Im sonnigen Salzburg angekommen suche ich mir erst einmal eine ungestörte Ecke, um mich nach den morgendlich frischen Temperaturen für die bevorstehende Tour umzuziehen. Ich finde ein Plätzchen direkt an der Salzach und, oh`welch ein Zufall, ein Kaffeehaus mit Blick auf die Burg und einem netten Zitat auf dessen Speisekarte:
"Wie andere in den Park oder in den Wald, lief ich immer ins Kaffeehaus, um mich abzulenken und zu beruhigen, mein ganzes Leben"

 

Kaum habe ich Platz genommen, werde ich auch schon von einer Tischnachbarin angesprochen. Diese scheint Amerikanerin zu sein, und spricht ohne Punkt und Komma auf mich ein. Ich verstehe nur Politik, Trump, CIA und das sie wohl für irgendeine politische Organisation arbeitet.

Ich denke mir nur, wenn jemand so eine Arbeit hat, spricht dieser nicht in einen öffentlichen Kaffeehaus eine völlig unbekannte Person an. Ich kann mich nicht wehren an einen Bekannten mit einem psychischen Leiden zu denken, bezahle rasch und nach einem kurzen, entschlossenen Blick auf mein Rad starte ich meine Tour.


Los geht`s
Ab dem Salzburger Giselakai starte ich auf dem Salzach-Uferweg flussaufwärts. Der Weg ist typisch für die Naherholungsgebiete einer Stadt gut ausgebaut und etliche, vor allem E-Bike-Radler, Jogger und auch viele junge Mütter mit Ihren Kinderwagen sind an diesem sonnigen Vormittag schon unterwegs.

Schon bald nach der Stadtgrenze nimmt der sportliche Verkehr ab und die Steigungen zu. Links die Salzach und rechts die noch schneebedeckten Berge der Berchtesgadener Alpen im Blick, denke ich noch oft nach, ob ich  mich mit dieser Tour nicht doch übernommen habe.

Pfarrwerfen - Tagesziel erreicht
Mein Tagesziel ist der Campingplatz Vierthaler in Pfarrwerfen. Nach 53 Kilometer, 530 Höhenmeter, 3 Litern Wasser und zwei Verlängerten (österreichisch für eine schick servierten Espresso mit separater Milch und einem Glas Wasser serviert) schlage ich als erster und einziger Gast der beginnenden Saison mein Zelt auf. Es ist ein kleiner, recht einfacher Campingplatz, den es laut der Betreiberin schon seit den 30er Jahren gibt.

 

Sie berichtet, das der neu gebaute Staudamm während der Erstellung zwar eine Menge Ärger bedeutet hat, für Sie persönlich jedoch nun den Vorteil hat, das durch die Absenkung des Wasserpegel ihrem Campingplatz keine Überschwemmungen mehr drohen und es auch aufgehört hat, das jeder seine Müll am Ufer der Salzach abgelagert hat. Wie immer – alles hat mindestens zwei Blickwinkel!

Erkenntnis
Um Gewicht zu sparen und um als Allein-Reisender auch mal in ein Gespräch zu kommen, habe ich bei dieser Tour auf Campingkocher und selbst kochen verzichtet und habe mir Abends ein mir passendes Lokal gesucht.

Sollte ich wieder einmal so eine Tour alleine fahren, dann stelle ich dennoch wieder auf Eigenversorgung um. Zum einen kann ich meinen Ernährungsbedürfnissen und der Lebensmittelqualität besser entsprechen und auch die Mehrkosten sind auf Dauer nicht zu unterschätzen.

2. Etappe (Pfarrwerfen nach Gastein, 54 km)

Ich wache durch das Rauschen des Wassers der nahen Wehranlage früh auf. Die Nacht war frisch und mein Zelt ist entsprechend feucht.

 

Ich freue mich über das saubere Sanitär-Gebäude und die morgendliche heiße Dusche, prüfe meine über Nacht geladenen Geräte ein, belade das Rad und mache mich noch warm eingepackt auf den Weg.

Das sommerliche Wetter lässt die Natur aufblühen und die Blicke über grüne Wiesen und blühende Bäume hinauf zu schneebedeckten Gipfeln lassen mich die stetigen Steigungen fast vergessen. Ab und zu sind die Steigungen dennoch zu steil für mich und mein ziemlich stark beladenes Fahrrad.

 

Zweifel

Ich denke an die noch vor mich liegenden Herausforderungen und schiebe mein Fahrrad lieber als mit Gewalt die Steigung tretend zu überwinden als dann später keine Kondition mehr zu haben.

 

Der Radweg ist eindeutig beschildert und verläuft parallel am Hang auf meist gut ausgebauten Wirtschaftswegen, oft in Sichtweite der Bahntrasse, der Bundesstraße und der Autobahn und vor allem – stetig nach oben!

 

Straßentunnel - kalt und laut
Spätestens als ich kurz vor dem Gasteiner Tal durch einen recht langen, stark befahrenden Straßentunnel fahren muss, löst sich bei mir jeder weitere romantische Gedanke auf, das die Bezeichnung „Radweg“ immer und überall eine eigens geschaffene Radfahrer-Autobahn ist.

Die Tunnel-Durchfahrt ist auf einer eigenen Radspur zwar sicher, dennoch unglaublich laut, kalt und ziemlich unangenehm.


Im Gasteiner Tal angekommen

Das Gasteiner Tal entpuppt sich als breites Hochtal, das sehr touristisch und von den Verkehrswegen über die Alpen geprägt ist.

Ist Bad Hofgastein eher vom Kurtourismus geprägt, ist Bad Gastein selbst eine Mischung aus bröselndem Charme der Kaiserzeit und Skihotels für den Massentourismus.

Österreichischer Humor
In einem Supermarkt fülle ich meine Vorräte auf und bin mal wieder über den österreichische Humor an der Fleischtheke entzückt. 


Campingplatz "Pub Gastein"

Ich baue mein Zelt auf und und erfahre vom sehr freundlichen Wirt, das ich wieder der erste Radler in dieser Saison bin.

Er berichtet, das es ein Jahr zuvor zur gleichen Zeit es noch recht viel Schnee hatte und ich damit dieses Jahr ziemliches Glück mit dem Wetter habe?!

 

Nach einer abendlichen Sightseeing-Runde durch das Tal esse ich bei meinem Pub-Wirt zu Abend. Ich merke schnell, das hier die Einheimischen ihr Viertel trinken und der Pub die Kneipe der Einheimischen ist.

Am Abend trifft sich im Nebenraum die Jugend der „Pferde-Schnalzler“ und an der Theke wird darüber gesprochen, das sich mittlerweile fast alle Hotels in Bad Gastein in schwedischer und neuerdings litauischer oder russischer Hand befinden.

 

Ich spüre die für mich ungewohnten, in den letzten beiden Tagen zurückgelegten Höhenmeter in den Beinen und zunehmend auch an den Unterarmen. Da ich für den nächsten Tag mit weiteren Höhenmeter und meiner durchschnittlichen Berg-Kondition kalkuliere, verkrieche ich mich zeitig in meinen Schlafsack. 


3. Etappe von Bad Gastein an den Ossiacher See

Der Morgen zur dritte Etappe begrüßt mich wieder mit strahlendem Sonnenschein. Der Zug durch die Tauernschleuse fährt immer 20 Minuten nach der vollen Stunde. Ich möchte nicht unnötig lange am Bahnhof warten, packe zügig zusammen und hoffe das ich die steilen Passagen hinauf zur Bahnverladung im Bahnhofsort Böckstein einigermaßen überstehe.

Kaum habe ich den Campingplatz verlassen und nähere mich dem Zemtrum von Bad Gastein, wird es innerhalb des Ortes so steil, das ich mein Rad über ein eine lange Strecke schieben muss.

Die Hotels in Bad Gastein sind wie Vogelnester rund um den alten Ortskern und den romantischen Wasserfall an die Felswände gebaut. Alles ist eng, steil und für mich nicht auf dem Rad tretend zu überwinden. Viele der alten Hotels verfallen oder stehen zum Verkauf. Im Sommer fällt das auf, im Winter deckt der Schnee wohl viel Wunden zu.


Nach einem „Kaffeetscherl“ in der noch ursprünglichen Dorfbäckerei habe ich es dann geschafft und kann bis zum Anstieg nach Böckstein wieder radeln. Immer wieder überholen mich Radfahrer, meist mit Mountain-Bikes, ohne Gepäck oder sanft lächelnd auf einem modernen E-Bike.

ganz oben angekommen - die Tauerschleuse

Im Schlepptau zweier Mountainbike-Radler strenge ich mich noch einmal an und erreiche ziemlich verschwitzt und durchaus mit Stolz auf mich selbst, den Bahnhof Böckstein und die Verladung auf den Zug durch die Tauernschleuse.

Das Ticket (5 Euro für ein Fahrrad mit Fahrer) bekommt man am Autoschalter; die Autos fahren auf die „Roll-on-Roll-off-Waggons“, Fahrräder und Personen finden ihren Platz in einem Waggon ähnlich einem Nahverkehrszug.

Was die Menschen bewegt
Während der Tunneldurchfahrt berichten die beiden Radler, das diese für 3 Wochen auf Kur in Gastein seien und neben Massagen und Verpflegung eigentlich nur ihren eigenen Interessen nachgehen.
An unserem Gespräch fand ich besonders interessant, das es schon nach wenigen Minuten um das Thema „Rente“ und die Unterschiede zwischen Österreich und Deutschland ging!?